Ich bin selbst übergewichtig. Aber als „mehrgewichtig“ würde ich mich nicht bezeichnen.
Der Begriff Mehrgewicht begegnet einem derzeit immer häufiger. Er soll das etablierte Wort „Übergewicht“ ersetzen oder zumindest ergänzen. Die Absicht dahinter ist nachvollziehbar: Menschen mit höherem Körpergewicht werden häufig stigmatisiert und diskriminiert. Auch im Gesundheitswesen ist Gewichtsstigma ein reales Problem. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft beschäftigt sich ausdrücklich damit und empfiehlt eine sensible und respektvolle Kommunikation über Menschen mit Übergewicht und Adipositas.
Trotzdem halte ich „Mehrgewicht“ nicht für eine besonders gute Lösung.
Warum überhaupt „Mehrgewicht“?
Die Überlegung dahinter ist zunächst plausibel. Begriffe wie „Übergewicht“ und insbesondere die Gegenüberstellung mit „Normalgewicht“ können als wertend wahrgenommen werden.
„Über“ klingt danach, dass jemand über einer Norm liegt. „Normalgewicht“ wiederum kann im Alltag so verstanden werden, als seien Menschen außerhalb dieses Bereichs nicht normal.
Hinzu kommt ein grundsätzlich wichtiger Gedanke moderner Gesundheitskommunikation: Ein Mensch soll nicht auf eine Erkrankung oder ein körperliches Merkmal reduziert werden.
Die European Association for the Study of Obesity empfiehlt deshalb sogenannte person-first language: also beispielsweise „Menschen mit Adipositas“ statt Formulierungen, bei denen die Adipositas die Person sprachlich definiert. Ziel ist es, Gewichtsstigma und stereotype Zuschreibungen zu reduzieren. Das ist nachvollziehbar.
Aber daraus folgt für mich noch lange nicht, dass wir das Wort „Übergewicht“ ersetzen müssen.
Übergewicht ist zunächst einmal eine Beschreibung
„Übergewicht“ ist kein historisches Schimpfwort. Es ist ein etablierter medizinischer und epidemiologischer Begriff. Auch die WHO spricht weiterhin von overweight and obesity und definiert Übergewicht bei Erwachsenen anhand des BMI ab 25 kg/m² sowie Adipositas ab 30 kg/m².
Ebenso verwendet die Deutsche Adipositas-Gesellschaft selbstverständlich Formulierungen wie „Menschen mit Übergewicht“. Sie schafft es also offenbar, gleichzeitig gegen Gewichtsstigmatisierung einzutreten und den Begriff Übergewicht weiterzuverwenden. Das halte ich für den vernünftigeren Weg.
Denn ein Begriff wird nicht automatisch diskriminierend, nur weil er einen Zustand beschreibt, der von einer medizinisch definierten Referenz abweicht.
„Mehrgewicht“ klingt freundlicher – aber ist es auch ehrlicher?
Hier liegt mein eigentliches Problem mit dem Begriff. „Mehrgewicht“ klingt zunächst neutraler. Vielleicht sogar angenehmer. Aber gerade dadurch kann er auch verharmlosend wirken.
Ein bisschen mehr Gewicht – na und? Bei geringem Übergewicht muss daraus tatsächlich keineswegs automatisch ein relevantes Gesundheitsproblem entstehen. Der BMI ist ohnehin ein grobes Instrument und sagt beim einzelnen Menschen beispielsweise nichts über Muskelmasse, Fettverteilung oder metabolische Gesundheit aus.
Aber vor allem bei ausgeprägtem Übergewicht und Adipositas reden wir nicht nur über unterschiedliche Körperformen. Adipositas ist mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Dazu gehören unter anderem ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten und weitere chronische Erkrankungen. Die WHO beschreibt Übergewicht und Adipositas entsprechend ausdrücklich als relevante Gesundheitsprobleme. Auch die Deutsche Adipositas-Gesellschaft weist darauf hin, dass Adipositas mit einer Vielzahl schwerwiegender Folgeerkrankungen verbunden ist. Das sind evidenzbasierte Fakten, die wir nicht wegdiskutieren können.
Warum sollten wir diesen Sachverhalt also sprachlich abschwächen?
Nicht stigmatisieren heißt nicht verharmlosen.
Für mich werden in dieser Diskussion manchmal zwei Dinge miteinander vermischt.
Menschen dürfen wegen ihres Körpergewichts nicht abgewertet werden.
Klar, das sollte selbstverständlich sein.
Es ist weder wissenschaftlich haltbar noch menschlich akzeptabel, aus dem Körpergewicht eines Menschen auf Faulheit, mangelnde Disziplin, Intelligenz oder Charakter zu schließen.
Gleichzeitig gilt aber:
Ein gesundheitlicher Risikofaktor bleibt ein gesundheitlicher Risikofaktor, auch wenn wir respektvoll darüber sprechen.
Diese beiden Aussagen widersprechen sich überhaupt nicht. Ich kann einem Menschen mit Bluthochdruck respektvoll begegnen und trotzdem sagen, dass sein Blutdruck zu hoch ist. Ich kann einen erhöhten Blutzucker benennen, ohne den Menschen dahinter abzuwerten. Und ich kann auch sagen, dass jemand übergewichtig ist, ohne daraus irgendein moralisches Urteil abzuleiten.
Vielleicht bekämpfen wir manchmal das falsche Problem
Das führt zu einer grundsätzlicheren Frage: Verbessert sich die Situation für Menschen mit Übergewicht tatsächlich dadurch, dass wir sie künftig Menschen mit „Mehrgewicht“ nennen?
Ich glaube: nein. Ich glaube, wir schaden diesen Menschen sogar, weil wir ein Gesundheitsproblem sprachlich verharmlosen.
Und was wollen eigentlich die Betroffenen selbst?
Auch dieser Punkt kommt mir in der Diskussion manchmal zu kurz. Nicht jeder Mensch mit Übergewicht empfindet „Übergewicht“ als beleidigend. Ich jedenfalls nicht.
Ich bin übergewichtig. Das ist eine Beschreibung meines Körpergewichts und kein Urteil über meinen Wert als Mensch.
Wenn jemand persönlich lieber von Mehrgewicht sprechen möchte, ist das selbstverständlich legitim. Sprache ist auch eine Frage individueller Präferenz. Problematisch finde ich es erst, wenn daraus die Vorstellung entsteht, „Übergewicht“ sei grundsätzlich ein unangemessener oder diskriminierender Begriff und müsse deshalb vermieden werden.
Denn dann entscheidet eine bestimmte Vorstellung von sensibler Sprache plötzlich auch darüber, wie Betroffene sich selbst bezeichnen sollen. Das wäre eine merkwürdige Form der Entstigmatisierung.
Was nun?
Ich verstehe, warum in unserer modernen Gesellschaft der Begriff „Mehrgewicht“ entstanden ist. Ich verstehe die gutgemeinte Intention dahinter. Gewichtsstigmatisierung ist real. Menschen mit Übergewicht und Adipositas werden zu häufig moralisch bewertet, verspottet oder im Gesundheitswesen nicht ernst genommen. Ich habe das selbst schon erlebt. Dagegen sollten wir etwas tun.
Aber ich glaube nicht, dass wir dafür das Wort „Übergewicht“ abschaffen müssen und dadurch das Problem eigentlich nur verschieben. Im Gegenteil: Gute Gesundheitskommunikation sollte zwei Dinge gleichzeitig können.
Sie sollte Menschen respektieren – und gesundheitliche Tatsachen klar benennen.
„Übergewicht“ ist für mich ein sachlicher Begriff. Entscheidend ist nicht, ob davor „Über“ oder „Mehr“ steht, sondern was wir daraus machen. Denn Menschen sind nicht weniger wert, weil sie übergewichtig sind. Aber Übergewicht wird auch nicht gesünder, nur weil wir es anders nennen.
Bildnachweis: Erstellt mit KI leonardo.ai; 17.8.2026; geprüft durch: MZK
