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Sinn und Unsinn von IgG-4 Tests für Nahrungsmittelunvertäglichkeiten

Die Entstehung von Antikörpern im Rahmen der adaptiven Immunantwort des Körpers ist natürlich und zu erwarten. Falls diese Immunantwort pathologisch abläuft, können Antikörper weitere Zellen des Immunsystems zur Ausschüttung von Effektor Substanzen anregen. Im Falle einer klassischen Allergie werden IgE Antikörper generiert, welche Mastzellen und basophile Granulozyten zur Ausschüttung von Histamin veranlassen. Allergien gegen Nahrungsmittel bzw. Nahrungsmittelbestandteile unterscheiden sich von Intoleranzen, welche hauptsächlich durch ein Ungleichgewicht zwischen einem Nahrungsmittelbestandteil und dem metabolisierenden Enzym im Dünndarm gekennzeichnet sind. So werden z.b. die Symptome der Lactoseintoleranz dadurch verursacht, dass die Lactose im Dünndarm nicht in Glucose und Galactose gespalten und diese Monosaccharide aufgenommen werden; der Zucker führt zu übermäßigem Wachstum von Bakterien im Dickdarm, und in weiterer Folge zu Blähungen und Durchfall. Diese Symptomatik findet ohne Erzeugung von IgE Antikörper statt.

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Abb. 1: Klassifikation Nahrungsmittelunverträglichkeiten gemäß EAACI [1]

Histaminausschüttung durch Immunglobuline der Klasse G4 wurden erstmals vor 40 Jahren beschrieben, allerdings beschreibt die derzeitige wissenschaftliche Literatur nur einen Sonderfall bei dem IgG4 Antikörper die Ausschüttung von Histamin anregen [2]. In einigen Spezialfällen erweist es sich trotzdem als sinnvoll, einen spezifischen IgG Titer zu bestimmen:  Diagnostischen Wert besitzen IgG Antikörper zum Beispiel bei der Diagnose der Zöliakie, einer Autoimmunerkrankung ausgelöst durch das Getreideprotein Gluten. Aufgrund der  höheren Sensitivität/Spezifität von IgA Tests wird dieser IgG Test nur bei einer IgA Defizienz eingesetzt [3]. Auch im Rahmen einer Immuntherapie spielt IgG4 eine Rolle in der IgE unterstützten Antigenpräsentation [4]. Eine Zunahme der IgG4 Sekretion, einhergehend mit einer Abnahme der IgE-Produktion ist hier sogar ein zu erwartender Effekt.

Erst seit kurzem wurden eine Reihe von systemischen  IgG4-assoziierten Erkrankungen beschrieben, von autoimmuner Pankreatitis über Riedel Struma bis hin zu Retroperitonealfibrose [5]. Hier wird durch die Anwesenheit der Antikörper im Bindegewebe Fibrose verursacht.  Diese teils schweren Erkrankungen stehen jedoch nicht im Zusammenhang mit Ernährungsgewohnheiten, und werden auch nicht von handelsüblichen IgG4 Tests erfasst.

Immunglobuline der Klasse G werden meist im Zusammenhang mit einer längeren Kontaktdauer gebildet (wie z.b. durch den Kontakt von Nahrungsantigenen mit dem Immunsystem im Dünndarm) und korrelieren nicht mit dem dazugehörigen IgE Titer; vielmehr gelten sie als Biomarker für eine Immuntoleranz gegenüber dem Antigen. So konnte im Serum von Imkern, welche im Rahmen ihres Berufes oft von Bienen gestochen werden, eine erhöhte Menge an IgG4 Antikörper gegen Bienengift festgestellt werden, ohne dass diese unter einer Allergie leiden [6].

Damit ist es verständlich, dass alle großen professionellen Zusammenschlüsse von Allergologen wie die European Academy of Allergology and Clinical Immunology, sowie die deutsche Gesellschaft für Allergie und Klinische Immunologie, der Ärzteverband Deutscher Allergologen, die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin, die Österreichische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie und die Schweizerische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie IgG bzw. IgG4 Antikörper gegen  Nahrungsmittel zur Abklärung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten als ungeeignet ablehnen [7, 8].

Eine Fehldiagnose führt bei Betroffenen zu Unsicherheit und einer ungerechtfertigten Einschränkung der Diät und richtet somit deutlich mehr Schaden als Nutzen an.

  1. Bruijnzeel-Koomen, C., et al., Adverse reactions to food*. Allergy, 1995. 50(8): p. 623-635.
  2. Schuurman, J., et al., Complementation of Der P 2-induced histamine release from human basophils sensitized with monoclonal IgE: not only by IgE, but also by IgG antibodies directed to a nonoverlapping epitope of Der p 2. J Allergy Clin Immunol, 1998. 101(3): p. 404-9.
  3. Villalta, D., et al., IgG antibodies against deamidated gliadin peptides for diagnosis of celiac disease in patients with IgA deficiency. Clin Chem, 2010. 56(3): p. 464-8.
  4. van Neerven, R.J., et al., IgE-mediated allergen presentation and blocking antibodies: regulation of T-cell activation in allergy. Int Arch Allergy Immunol, 2006. 141(2): p. 119-29.
  5. Stone, J.H., Y. Zen, and V. Deshpande, IgG4-Related Disease. New England Journal of Medicine, 2012. 366(6): p. 539-551.
  6. Garcia-Robaina, J.C., et al., The natural history of Apis-specific IgG and IgG4 in beekeepers. Clin Exp Allergy, 1997. 27(4): p. 418-23.
  7. Stapel, S.O., et al., Testing for IgG4 against foods is not recommended as a diagnostic tool: EAACI Task Force Report. Allergy, 2008. 63(7): p. 793-6.
  8. Kleine-Tebbe, J.e.a., Keine Empfehlung für IgG und IgG4-Bestimmungen gegen Nahrungsmittel. Leitlinie der deutschsprachigen Allergiegesellschaften Allergo J, 2009. 18(4): p. 267-73.

Quelle/Autor: Wissenschaftliche Gesellschaft zur Forschung und Weiterbildung im Bereich nahrungsmittelbedingter Intoleranzen, Newsletter Q2/2013