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SchwachSuper 

Abzocke mit laktosefreien Produkten

„Abzocke!“ – Vor allem in deutschen Boulevardmedien wird dieses Schlagwort gerne verwendet. Meistens im Zusammenhang mit Internetbetrügern. Doch neuerdings liest man das Wort oft in Zusammenhang mit laktosefreien Lebensmitteln.

Den Stein ins Rollen brachte eine Marktanalyse der Verbraucherzentrale Hamburg die 24 laktosefreie Lebensmittel getestet hat. Der Test ergab, dass Menschen die an Laktoseintoleranz leiden durchschnittlich 2,4-mal so viel für entsprechende Lebensmittel zahlen müssen. An sich keine großartig neue Erkenntnis. So weit so gut. Doch die Verbraucherzentrale hat wohl etwas voreilig gehandelt und teilweise „Äpfel mit Birnen“ verglichen, wie es 5 Food-Bloggerinnen in einem offenen Brief an die Verbraucherzentrale formuliert haben.

Laktosefreie Milchprodukte

Die Kritik der Bloggerinnen geht aber weiter. So wird in der Marktanalyse gemeint, dass Produkte wie Butter oder gewisse Käsesorten wenig Laktose beinhalten und daher gut verträglich sein, man also getrost auf die laktosefreien Varianten verzichten könnte. Eine typische Aussage von Nicht-Betroffenen, die wir ja hier am NMI-Portal auch schon oft behandelt haben. Aber Vorsicht: Die Aussage stimmt tatsächlich bei gewissen gut gereiften Sorten wie Parmesan, alter Gouda oder zum Beispiel Bergkäse.laktosefrei-komma5 Sie stimmt aber nicht bei Weichkäsen oder Sorten die etwa 0,5-1g Laktose pro 100g beinhalten. Eine Pauschalisierung ist also nicht möglich. Ich glaube solche Aussagen kommen auch daher, dass viele, die sich schnell mal mit Laktoseintoleranz aus beruflichen Gründen beschäftigen, gerne mal von weniger guten Webseiten abschreiben oder zu wenig tief in die Materie eintauchen. Fakt ist, dass viele Betroffene Laktosemengen von wenigen Gramm pro Mahlzeit - vor allem später am Tag - vertragen. Die Mehrheit aber verträgt diese Mengen nicht. Und viele Betroffene vertragen noch weniger, für sie sind schon weniger als 1g problematisch (Ich gehöre da leider dazu…). In der Wissenschaft nennt man das eine Gauß-Verteilung. Was noch dazu kommt ist die Tagesverfassung, sowie die Tageszeit. Am Morgen vertragen die meisten weniger Laktose als am Abend. Die Sache ist also wirklich recht komplex.

Naja, nur fast, denn in eine Richtung kann man das ganze schon vereinfachen:  Keine Laktose, keine Probleme für alle Betroffenen. Und alleine das rechtfertigt schon das Vorhandensein von laktosefreien Milchprodukten. Dass diese laktosefreien Milchprdukte teuer sind ist auch hinlänglich bekannt. Nischenprodukte sind teurer als normale Produkte, das ist auch verständlich. Dennoch würde eine gewisse Preisanpassung – vor allem wenn man den wachsenden Markt ansieht – ganz gut tun. Und ja, gewisse Käsesorten sind sowieso laktosefrei. Hier Nischenprodukte zu produzieren und teurer zu verkaufen ist natürlich Abzocke.

Gluten gegen Laktose

Und dabei haben es wir Laktoseintoleranten noch gut. Wirklich tief in die Tasche müssen Zöliakiepatienten greifen, wie ich in meinem Selbstversuch damals am eigenen Leib feststellen musste. Viele Zöliakie- bzw. Glutenintoleranzpatienten leiden auch an Laktoseintoleranz, für sie ist die Kennzeichnung „laktosefrei“ auf glutenfreien Spezialprodukten enorm wichtig. Hier werfe ich mal einen weiteren Kritikpunkt an dem Test der Verbraucherzentrale ins Rennen: Es wurden glutenfreie Brotsorten mit normalen Brotsorten verglichen. Klar kann ein laktoseintoleranter Kunde auch das normale Brot kaufen und muss kein glutenfreies Brot teuer erstehen, aber der Zöliakiepatient wird sich doch drüber freuen.

Laktosefrei gekennzeichnete Produkte

Der wahre Skandal findet sich eher bei Herstellern die klare Täuschungen vornehmen. Egal ob es ein Hersteller ist, der mit physiologisch falschen Fruktoseangaben auf den Markt geht und damit vielen Betroffenen Symptome beschert, oder ob es Hersteller sind, die dasselbe (!) Produkt einmal günstig normal und einmal teuer und als laktosefrei gekennzeichnet auf den Markt bringen und so einfach nur Geld machen wollen. Eine der 5 Bloggerinnen hatte hier mal ein Beispiel mit Schafskäse gepostet, leider konnte ich das nicht mehr finden… Freue mich über einen Link dazu (Ergänzung am 8.8.2012, siehe weiterführende Links ganz unten)!

schaerdinger-laktosefrei-kennzeichnungPositiv möchte ich mal Schärdinger herausstreichen. Dieser österreichische Hersteller kennzeichnet schon seit längerem alle seine Käsesorten mit einem einheitlichen „laktosefrei" Logo. Und das ohne diese Sorten teurer zu machen und vor allem mit dem Limit <0,1g/100g. So soll es sein, denn so kann der Verbraucher schnell sehen, was er sicher essen kann. Grade in Österreich machen das schon einige Hersteller, Danke mal an all jene die mit gutem Beispiel vorangehen! Wir wollen ja nicht immer nur auf die Industrie schimpfen :-)

Problematisch wird die Kennzeichnung auch deshalb, weil es keine gesetzlichen Richtlinien gibt. So kann ein Hersteller auch <0,5g/100g als laktosefrei kennzeichnen, auch wenn das einige nicht mehr vertragen würden. Diese Kennzeichnungen sind freiwillig und unterliegen keinerlei Richtlinien.

Modekrankheit Laktoseintoleranz

Passend zum Thema schrieb der Tagesspiegel einen Artikel und ließ die Wogen gleich nochmal hochgehen. Laktoseintoleranz als Modeerkrankung, 12g Laktose laut Studie der der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA, hier das PDF der Studie) noch leicht verdaubar, und so weiter. Das geht unkommentiert natürlich gar nicht.

Laktoseintoleranz als Modeerscheinung… darüber habe ich ja schon mehrmals geschrieben. Klar stimmt das in gewissem Maße, doch hier darf man nicht die Hersteller anprangern, sondern die Konsumenten, die sich kritiklos von Werbung beeinflussen lassen. 
Zu den Die 12g Laktose: „Ein kleines Glas Milch ist allemal drin“. Naja, darüber sage ich nichts, das hatten wir ja schon 2010… jeder der sich halbwegs auskennt findet solche Aussagen sowieso nur lächerlich und wünscht dem, der sowas von sich gibt, mal die Symptome nach einem Glas Milch!

Abschließend möchte mal wieder das runterbeten, was ich seit Jahren schreibe und was jedem halbwegs intelligenten Konsumenten auch klar ist:

  1. Milchprodukte braucht man nicht unbedingt zum Überleben. Man schafft den Alltag  auch ohne, auch wenn die mächtige Milchindustrie uns was anderes glauben lassen will.
  2. Laktosefreie Milchprodukte sind trotzdem eine gute Sache, weil wir nun mal hin und wieder auch Bock auf Frischkäse, Milch, Sahne, Kuchen, Plätzchen, Joghurt oder sonst was haben und von normalen Produkten üble Symptome bekommen. Komische Studien hin oder her.
  3. Die Kennzeichnung von „laktosefrei“ auf abgepackten Lebensmitteln (inkl. Brot oder andere Produkte wo man keine Laktose drin vermutet, aber trotzdem welche drin ist) ist gut und sinnvoll.
  4. Produkte die immer schon laktosefrei waren und vom Hersteller plötzlich als solche gekennzeichnet werden – oder doppelt abgepackt werden-, dürfen nur deshalb nicht treuer sein. DAS wäre Abzocke!
  5. Nischenprodukte wie glutenfreies Brot oder laktosefreie Milch sind teurer. Das ist okay, immerhin kostet der Herstellungsprozess mehr Geld und der Markt ist kleiner. Aber Abzocke darf es nicht sein!
  6. Laktasetabletten sind eine gute Sache und vor allem eine enorme Erleichterung für Betroffene.
  7. Wer 12g Laktose in einer Mahlzeit verträgt hat keine Laktoseintoleranz und wird gnadenlos aus der Community ausgeschlossen ;-)

Einheitliche Kennzeichnung

Wir fordern schon seit Jahren eine einheitliche und EU-weite Kennzeichnung von Laktose- und Fruktosegehalten auf verpackten Lebensmitteln. Vielleicht ist die aktuelle Diskussion mal ein Anstoß für die Politiker, hier auf europäischer Ebene etwas anzudenken. Die Mühlen der EU mahlen ja bekanntlich langsam…

weiterführende Links zum Thema

Gesendet: 6 Monate 2 Wochen her von musch #5566
muschs Avatar
gibt es offizielle Angaben zu dem finanziellen Mehrkostenbedarf für aufwändigere Ernährung bei Laktose- und Fruktose Intoleranz sowie gleichzeitiger Laktose- und Fruktoseintoleranz, die für einen Antrag objektiv verwendet werden können und anerkannt sind.
Gesendet: 10 Monate 1 Woche her von Mi_Chi #5153
Mi_Chis Avatar
Danke für den Beitrag und danke an die Bloggerinnen für den offenen Brief! Jede öffentliche Diskussion ist gut, da es uns mal in der Vordergrund stellt und so vielleicht auch mal was positives für usn dabei raus kommt!

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