Laktoseintoleranz – Das Geschäft mit einer erfundenen Krankheit
Laktoseintoleranz ist, wenn es nach mir geht, das Wort des Jahres 2011.
Bekannt ist sie schon lange. Bereits die alten Griechen beschrieben Probleme des Verdauungstraktes nach Milchkonsum. Wissenschaftlich wurde die Laktoseintoleranz aber erst in den 1960er Jahren beschrieben. In den USA gab es in den 80er Jahren einige Aufklärungskampagnen, doch in Europa war es um die Laktoseintoleranz eher still. Erst im 3. Jahrtausend begann man auch hier, diese „Krankheit" wahr zu nehmen.
2004 startete das NMI-Portal, damals noch eher belächelt, vor allem weil wir alle Intoleranzen mit einbezogen hatten. Doch der Siegeszug der Laktoseintoleranz hatte begonnen. Schaut man sich Google Trends an, so sieht man den stetigen Anstieg bei der Suche nach dem Wort „Laktoseintoleranz" .
Laktoseintoleranz ist cool
In den letzten Jahren wurde die Laktoseintoleranz auch zu einer Modeerscheinung. In gewissen Kreativ-Kreisen ist es hipp und cool, laktoseintolerant zu sein. Wer was auf sich hält, verträgt keine Milch. Meistens aber nur Milch, da sich diese hippen Zeitgeister meist nicht mit dem Phänomen auseinandergesetzt haben. Oft habe ich solche schwarz gekleideten mit Designerbrille versehenen Personen auf Events getroffen, die genüsslich eine Sahneschnitte aßen und mir dann erklärten, sie würden keine Milch vertragen. Das war dem Gesamtprojekt Intoleranz-Aufklärung wenig zuträglich, ebbte aber Gott sei Dank bald wieder ab. Dafür kommt jetzt ein neuer Trend: Die „Krankheit Laktoseintoleranz".
Die Krankheit greift um sich
Laktoseintoleranz ist eigentlich der Normalzustand. Kein halbwegs normales Säugetier trinkt Muttermilch, sobald es der Kinderstube entwachsen ist. So geht es auch dem Menschen. Die große Mehrheit der Weltbevölkerung verträgt keine Milch. Das ist ganz natürlich. Nur in Nordeuropa hat sich vor etwa 7.000 Jahren eine kleine Mehrheit durchgesetzt, die Laktose verdauen konnte. Dies war von evolutivem Vorteil. Warum genau, darüber wird noch heftig gestritten. Fakt ist, dass diese Europäer milchtolerant wurden und im Prinzip die westliche Welt, die unser Leben und unsere Kultur bestimmt, besiedelt haben. Fakt ist auch, dass diese Menschen, cum grano salis, aktuell wieder im Rückgang sind. Laktoseintoleranz ist also definitiv keine Krankheit, sie ist ein normaler Zustand, der leider nicht in unsere Lebensmittelindustrie und Essenskultur passt.
Der Nischenmarkt boomt
Sowohl Pharmafirmen, als auch Lebensmittelproduzenten, haben den Nischenmarkt, der immerhin 22 Millionen potentielle Kunden im deutschsprachigen Raum enthält, erkannt und produzieren entsprechende Produkte. Mit mehr oder weniger guter Qualität. Vor allem die Lebensmittelindustrie reagiert seit kurzem. Und es werden nicht nur Produkte entworfen, sondern auch Webseiten und Onlineportale, oft unter dem Deckmantel eines gemeinnützigen Vereins oder einer studentischen Initiative, um die Herkunft der Informationen zu verschleiern. Durch solche „unabhängigen" Seiten können die Nischenkunden dann gezielt beworben und zum Kauf überredet werden. Vor allem der Kauf spezieller laktosefreier Produkte steht im Vordergrund. Und auch hier steckt noch Potenzial. So wird schon mal ein normaler Gouda, der sowieso laktosefrei ist, als laktosefreier Gouda zum doppelten Preis verkauft. Ein weiteres Phänomen hilft der Industrie: Die Selbstdiagnose. Immer mehr Menschen diagnostizieren sich selbst, da das Vertrauen in die Ärzte in den letzten Jahren leider ziemlich gesunken ist. Angeblich hat nur einer von 10 Patienten die sich klinisch testen lassen tatsächlich eine Intoleranz. Das sind 9 verlorene Kunden für die Industrie.
Doch diagnostiziert sich der potentielle Kundeselbst? Naja, dafür gibt's ja diese online Portale...
Anmerkung:
Ich möchte klarstellen, dass das NMI-Portal keine Firmen im Hintergrund hat, die die Fäden ziehen. Wir waren tatsächlich eine studentische Initiative, die sich später als Verein organisiert hat. Es gibt auch noch andere gute Plattformen, doch der stetige Anstieg unseriöser Angebote ist nicht zu leugnen. Der aufgeklärte Internetnutzer wird die Unterschiede sicherlich erkennen. Eine Hilfe dafür sind Qualitätsrichtlinien für medizinische Seiten.


